Zwei­fel und Miss­ver­ständ­nis­se

Es kur­siert die Aus­sa­ge, Wild „gewöh­ne“ sich an die Reflek­to­ren.

Grund­sätz­lich gilt:

Sich an poten­ti­el­le Gefahr zu gewöh­nen und die­se auf Dau­er zu igno­rie­ren, lie­fe dem Selbst­er­hal­tungs­trieb zuwi­der. Zumal es sich hier­bei um eine rea­le Gefahr han­delt:
Anders als bei­spiels­wei­se Duft­schaum oder akus­ti­sche War­ner, die eine Gefahr durch­ge­hend simu­lie­ren, selbst wenn kei­ne vor­han­den ist, signa­li­siert ein Reflek­tor nur dann Gefahr, wenn die­se in Form eines Fahr­zeu­ges tat­säch­lich vor­han­den ist.

Gegen einen Gewöh­nungs­ef­fekt spricht außer­dem, dass Tie­re und Auto­fah­rer zu unre­gel­mä­ßig auf­ein­an­der tref­fen, sei es zeit­lich wie auch räum­lich.

Wie­der stei­gen­de Unfalls­zah­len kön­nen unter­schied­li­che Ursa­chen haben, die aber tat­säch­lich mit einem Gewöh­nungs­ef­fekt nichts zu tun haben (wie bei­spiels­wei­se die Zah­len aus Rosen­heim zei­gen):

  1. Fal­sche Reflek­to­ren:
    1. Far­be:
      Dar­un­ter fal­len Foli­en in weiß oder rot, die auf­grund des Farb­sp­rek­trums nicht in der Lage sind, ein für die Tie­re maxi­mal hel­les Licht zu reflek­tie­ren. Die Far­be Blau deckt – gemes­sen an den Rezep­to­ren in den Augen von Wild­tie­ren – das größt­mög­li­che Spek­trum wahr­nehm­ba­ren Lichts ab und hat dadurch den bes­ten Effekt.
    2. Fabri­kat:
      Was teu­er ist, muss nicht unbe­dingt über­all funk­tio­nie­ren. So gibt es bei­spiels­wei­se die beson­ders aus­ge­klü­gel­ten Reflek­to­ren von Swa­row­ski, die an sich sicher­lich gut sind, aller­dings bei uns nicht die erwünsch­te Wir­kung zei­gen. Grund dafür ist, dass die in Öster­reich her­ge­stell­ten Reflek­to­ren genau­es­tens auf die Abstän­de der dor­ti­gen Leit­pfos­ten abge­stimmt sind, um einen durch­gän­gi­gen „Licht­zaun“ zu bil­den. Die­se Abstän­de unter­schei­den sich aber von denen in Deutsch­land, sodass der Licht­zaun bei uns Lücken auf­weist, die die Tie­re irgend­wann erken­nen und nut­zen.
  2. Für den Ein­satz von Reflek­to­ren unge­eig­ne­te Umge­bung:
    Mit den Foli­en von 3M, die wir nut­zen, kann man sich inzwi­schen sogar für Böschun­gen und Abhän­ge die Anschaf­fung zusätz­li­cher kegel­för­mi­ger Reflek­to­ren spa­ren, weil die ein­ge­ar­bei­te­ten Facet­ten auch gefä­chert nach unten und oben reflek­tie­ren (anders als älte­re Model­le, die den Schein nur gera­de­aus ablei­ten).
    Aller­dings braucht ein Reflek­tor von vor­ne her­ein rund 30 Meter, die er bestrah­len kann, um Wild wir­kungs­voll und recht­zei­tig stop­pen zu kön­nen. Liegt die Stre­cke in einem Wald­ge­biet (beson­ders dicht und tief bewach­se­ne Nadel­wäl­der), hält der Bewuchs den reflek­tier­ten Schein davon ab, das Wild über­haupt zu errei­chen. Steht ein Tier ein­mal einen hal­ben Meter nah an der Stra­ße zwi­schen den Bäu­men, ist es in der Regel zu spät.
  3. Spar­sam­keit:
    Man soll­te unfall­träch­ti­ge Stre­cken sehr groß­zü­gig bestü­cken. Spart man hier an der fal­schen Stel­le, ist es wahr­schein­lich, dass das geblen­de­te Wild sich einen neu­en Weg sucht. Beginnt die­ser knapp hin­ter dem ursprüng­li­chen Über­gang, wer­den die Tie­re den neu­en, unge­stör­ten Weg schnell gefun­den haben und die Unfalls­zah­len stei­gen wie­der – nur eben ein paar Meter wei­ter.
    Eben­so soll­ten kei­ne Lücken gelas­sen wer­den. Es reicht dem­nach nicht aus, nur jeden zwei­ten Leit­pfos­ten mit einem Reflek­tor aus­zu­stat­ten.
  4. Feh­len­de Kon­trol­le

    Ein Wort zu Ver­si­che­run­gen

    Sei­tens Ver­si­che­run­gen, die wir ganz zu Anfang des Pro­jek­tes als Spon­so­ren gewin­nen woll­ten, hält sich hart­nä­ckig ein Gerücht, Wild­warn­re­flek­to­ren bräch­ten gar nichts. Die­se Aus­sa­ge basie­re auf einer Stu­die. Die­se Aus­sa­ge hör­ten wir so oft, dass wir uns die­se Stu­die schi­cken lie­ßen:

    In einem ein­zi­gen, klei­nen Absatz wer­den auch Wild­warn­re­flek­to­ren genannt (Sei­te 22 „Durch­ge­führ­te Maß­nah­men gegen Wild­un­fall­häu­fun­gen“):

    Ein­satz opti­scher Reflek­to­ren

    Im süd­li­chen Bereich der L 286 zwi­schen km 0,5 und km 1,0 wur­den opti­sche Reflek­to­ren ein­ge­setzt. Auf­stel­lungs­dich­te und Art wur­den nach Her­stel­ler­an­ga­ben durch­ge­führt.

    Die Anzahl der Wild­un­fäl­le ist mit 7 bzw. 3 im Vor­her/­Nach­her-Ver­gleich zwar deut­lich unter­schied­lich. Bei der­art gerin­gen Unfall­zah­len, den jähr­li­chen Schwan­kun­gen zwi­schen 0 bis 5 im Vor­her-Zeit­raum und den Erkennt­nis­sen aus den Kon­troll­stre­cken kön­nen aller­dings kei­ne all­ge­mein­gül­ti­gen Aus­sa­gen zur Wirk­sam­keit gemacht wer­den.“

    Wie genau es mög­lich ist, dar­aus die „Erkennt­nis“ zu zie­hen, dass Wild­warn­re­flek­to­ren wir­kungs­los sei­en, bleibt uns bis­her schlei­er­haft.

    Eine gute Zusam­men­ar­beit mit Stra­ßen­meis­te­rei­en ist unab­ding­bar, wenn es um die Reflek­to­ren und deren „Nach­be­hand­lung“ und Kon­trol­le geht:)

    1. Mäh­ar­bei­ten müs­sen recht­zei­tig erle­digt wer­den, um zu ver­hin­dern, dass Gras die Leit­pfos­ten und somit die Reflek­to­ren zuwächst.
    2. Eben­so wer­den ver­schmutz­te Reflek­to­ren wir­kungs­los. Eine regel­mä­ßi­ge Rei­ni­gung ist des­halb not­wen­dig.
    3. Bei der Rei­ni­gung kann es pas­sie­ren, dass ein Pfos­ten oder nur der Reflek­tor beschä­digt oder abge­ris­sen wird (bei ord­nungs­ge­mä­ßer Befes­ti­gung zwar unwahr­schein­lich, aber nicht unmög­lich). Es muss also dar­auf ein beson­de­res Augen­merk gelegt und sol­che Ver­lus­te umge­hend gemel­det wer­den, damit kei­ne Lücke ent­steht.
    4. Stra­ßen­meis­te­rei­en müs­sen flä­chen­de­ckend dar­über infor­miert sein, beim Aus­tausch eines Leit­pfos­tens dar­auf zu ach­ten, den alten ent­we­der beim zustän­di­gen Revier­lei­ter abzu­ge­ben, soll­te sich ein Reflek­tor dar­an befin­den, oder den Reflek­tor selbst abzu­schrau­ben und abzu­ge­ben. Auch wenn wir einen groß­ar­ti­gen Preis erzielt haben, so ist es den­noch ein Wert, der andern­falls ver­lo­ren geht – abge­se­hen von der ent­ste­hen­den Lücke. (Durch die Zusatz­punk­te im Nut­zungs­ver­trag – sie­he oben unter „Der büro­kra­ti­sche Teil“ – soll­ten die Punk­te c4.3.) und 4.4.) aller­dings aus­ge­merzt sein, da durch die Neu­re­ge­lung sicher­lich ein ande­res Augen­merk auf die Reflek­to­ren gewor­fen wer­den wird – so unse­re berech­tig­te Hoff­nung.)
    5. Eben­so ist dar­auf zu ach­ten, dass die Pfos­ten immer gera­de ste­hen. Die Foli­en sind auf die senk­rech­te Posi­ti­on der Leit­pfos­ten aus­ge­rich­tet.
  5. Umwelt­ein­flüs­se:
    Lei­der kommt es vor, dass Stre­cken in sehr nebel­rei­chen Gebie­ten lie­gen. Die fei­nen Was­ser­trop­fen in der Luft bre­chen das Licht, sodass es unter Umstän­den an Inten­si­tät ein­büßt. In beson­ders ungüns­ti­gen Fäl­len gefriert Nebel oder Sprüh­re­gen auf den Reflek­to­ren. Das Eis kann eine ähn­lich ungüns­ti­ge Wir­kung haben.
  6. Frucht­stand:
    Selbst wenn alle Para­me­ter stim­men, die Flä­chen frei sind, Böschun­gen nicht zu steil und die Gege­ben­hei­ten ide­al zu sein schei­nen, kann es sein, dass an der Stra­ße lie­gen­de Äcker in einem Jahr mit Mais, Raps oder ähn­lich hohen Feld­früch­ten bepflanzt wer­den. Sobald die­se die Höhe der Leit­pfos­ten über­schrei­ten, ent­steht ein dich­ter Sicht­schutz. Steht die­ser auch noch nah an der Stra­ße, ist die Wir­kung der Reflek­to­ren an die­ser Stel­le für den Zeit­raum stark ein­ge­schränkt – zumin­dest auf der Sei­te des Fel­des.
    Ist ein Feld abge­ern­tet und Frucht­res­te nicht unter die Erde geho­ben, zie­hen – beson­ders gegen Ende des Jah­res, wenn das Nah­rungs­an­ge­bot knap­per wird – Frucht­res­te die Tie­re stark an. In dem Fall emp­fiehlt es sich, mit den ent­spre­chen­den Land­wir­ten zu spre­chen, um die­sen Reiz aus der Stra­ßen­nä­he zu ent­fer­nen.

Fazit:

Wild­schutz­maß­nah­men sind ein sehr kom­ple­xes Feld, in das vie­le unter­schied­li­che Fak­to­ren ein­be­zo­gen wer­den müs­sen. Einen 100%-igen Schutz gewäh­ren sie lei­der nicht. Von einem Gewöh­nungs­ef­fekt dage­gen kann man nicht spre­chen.