Aus für Wildwarnreflektoren in Hessen?

Die Tierschützer und Jäger Hessens sind empört. Zu Recht.

WWR funktionieren nicht. Doch damit will sich Barbara Bausch vom Tier- und Naturschutz Unterer Vogelsberg e. V. und Initiatorin des Projekts „Wildwarnreflektoren im Vogelsberg“ nicht zufrieden geben.

Seit dem Workshop „Forschungsschwerpunkt Wildunfallprävention“ der Bundesanstalt für Straßenwesen am 26. Juni 2017 verweigert Hessen Mobil die Ausstellung weiterer Nutzungsverträge, die den Jägern bisher erlaubten, Wildwarnreflektoren (kurz: WWR) an Leitpfosten anbringen zu dürfen. Grund ist das Ergebnis des Workshops, auf dem zwei Untersuchungen vorgestellt wurden. Tenor der Veranstaltung: WWR funktionieren nicht. Doch damit will sich  Barbara Bausch vom Tier- und Naturschutz Unterer Vogelsberg e. V. und Initiatorin des Projekts „Wildwarnreflektoren im Vogelsberg“ nicht zufrieden geben.

Ziel der WWR ist es, Tiere, die sich auf die Straße zu bewegen, in dem Moment zu bremsen”, in dem ein Fahrzeug passiert. Trifft Scheinwerferlicht auf den Reflektor, strahlt dieser einen Teil des Lichts in Richtung Straßenrand/Feld ab und blendet die Tiere für einen kurzen Augenblick. Naturgemäß verhoffen sie aufgrund des plötzlichen optischen Reizes für ein paar Sekunden, und das Fahrzeug kann ungehindert passieren. Ist das Auto verschwunden, kann Wild seinen Weg über die Straße fortsetzen.

Die eingangs erwähnten Untersuchungen, machen lediglich einen kleinen Teil der in letzter Zeit durchgeführten Studien aus. Diese als der Weisheit letzten Schluss zu betrachten, hält Barbara Bausch für gefährlich einseitig. Auf dem Workshop wurde weder die zwischen 2008 und 2011 geführte Studie von Wolfgang Steiner, Magister an der Universität für Bodenkultur, Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (IWJ) in Wien („Wildtierbestände und Verkehr – Reduktion von verkehrsbedingtem Fallwild“, 2011) noch die im November 2016 erschienene von Christian Trothe, M. Sc. (forest), Institut für Wildbiologie Göttingen und Dresden e. V. („Wildunfälle verhindern – was hilft wirklich? Präventionsmaßnahmen auf dem Prüfstand“) auch nur angesprochen. Die Göttinger hatten vier Jahre lang Daten von 28 Strecken, davon 16 mit blauen Wildwarnreflektoren und 12 mit Duftzaun©, gesammelt und diese mit den Unfallzahlen aus den Jahren zuvor verglichen. Steiner war genauso vorgegangen und wiederholt seither seine Versuche an immer anderen Strecken mit stets neuer Reflektortechnik. Beide Studien sowie Steiners fortlaufende Untersuchungen liefern kontinuierlich ein nahezu identisches Ergebnis: Unfallrückgänge auf den Strecken mit WWR von bis zu über 80 Prozent.

„Die Untersuchungen von Dipl.-Forstwirt Max Kröschel und Dipl.-Forstwirt Dr. Falko Brieger von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg, die momentan das Aus für WWR in Hessen bedeuten, verwirren mich.“, sagt Bausch. „In den Versuchen stoße ich immer wieder auf Bestätigungen dessen, was wir von WWR erwarten.“ Von verstärktem Sicherungsverhalten – sogar bei Gehegerehen – ist dort die Rede wie auch von sinngemäß unveränderter Nutzung des Lebensraums um Straßenabschnitte herum. „Genau das wollen wir erreichen: keine grundlegende Beeinträchtigung oder gar eine Barriere, die die Wechsel des Wildes beeinflusst, abgesehen von einem kurzen Innehalten vor einer Straße, wenn ein Fahrzeug kommt.“

Die beiden Forscher ziehen aus ihren Untersuchungen dennoch den Schluss, WWR zeigten keine Wirkung. „Das ist mir völlig schleierhaft.“, wundert sich Bausch, die die Untersuchungen eingehend studiert hat.

Sie warnt zudem davor, sich von dem Begriff „Warn- oder Schreckfarbe“ in die Irre leiten zu lassen. Wild sieht aufgrund der für das blaue Farbspektrum verfügbare Zapfen im Auge die Farbe lediglich heller und folglich besser – der einzige Grund für diese Farbwahl bei WWR. Für rote Farbspektren beispielsweise stehen kaum Zapfen zur Verfügung, weshalb es von den Tieren so gut wie nicht wahrgenommen wird. „Folglich darf man nicht erwarten, Wild würde vor Blau flüchten.“

Auch die Schlussfolgerung der Versuche aus dem Lichtlabor von Dipl.-Ing. Dipl.-Psych. Christoph Schulze vom Wahrnehmungslabor/Lichttechnik und seinem Kollegen, Dipl.-Forstw. Jens-Ulrich Polster, Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden kann Bausch nicht nachvollziehen. Neun (nicht namentlich genannte) Reflektormodelle wurden dort auf ihre Abstrahlwerte getestet und ergaben Reflexionen zwischen 5 und 70%. „Ich gehe mal davon aus, dass wir sorgfältig genug recherchiert haben, um behaupten zu können, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach die Reflektoren benutzen, die selbst im Labor recht gut abgeschnitten haben.“ Im Selbstversuch, nachts auf einem Acker, konnte Bausch die Reflexion von unterschiedlichen Standpunkten aus zumindest sehen. „Es erinnert an das Schillern blauer Fische, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden. Und wenn ich das mit meinem menschlichen Auge wahrnehmen kann, können Wildtiere das erst recht. Ein Beweis gegen die Wirkung von WWR ist meines Erachtens damit nicht erbracht.“

Die Fachtagung Wildunfallprävention am 7. Dezember in Hannover könnte eventuell ein klärendes Licht auf die Situation werfen. Bausch – und mit ihr Hessens Tierschützer und Jäger – hofft auf kritisches und verstehendes Publikum, besonders unter den hessischen Entscheidungsträgern, denn rund 3.000 Verletzte, davon ca. 600 schwer, 20 tödlich (ADAC) und Sachschäden in Höhe von 500 Mio. Euro (GDV) sprechen neben den 230.000 Tieren, die oft eines qualvollen Todes sterben, eine deutliche Sprache dafür, dass Tierschutz und Verkehrssicherheit nicht auf’s Spiel gesetzt werden dürfen.