Wald- und Wildtierschutz

Politik, optimierte Rendite, Überzeugungen und Traditionen entscheiden über das Überleben von Bäumen und Rehen. Bestehen Förster auf den Abschuss von Wildtieren, die ihrem Wald schaden, werfen Jäger den Förstern mangelndes Handeln zum Schutze ihrer Pflanzungen vor. Ein Konflikt, der schon seit Jahrzehnten gärt. Der Wald- und Wildtierschutz beleuchtet:

Im Konflikt: Förster und Jäger

Förster behaupten, zu viele Rehe würden den aktuell so wichtigen Umbau des Waldes von der seit Jahrzehnten praktizierten Nadelbaum-Monokultur in eine ökologisch wertvollere Form verhindern. Jäger hingegen stellen fest, das Förster zu wenig tun, um ihren Baumnachwuchs zu schützen.

Das Reh war Mitte des 19. Jahrhunderts fast ausgerottet. Die aktuellen Abschusszahlen beweisen, dass der Bestand sich erholt hat: Allein in der Jagdsaison 2017/2018 wurden in der Bundesrepublik fast 1. 190.724 Tiere erlegt. In Hessen waren es 92.062.

Die Abschüsse werden auf Basis von Verbiß-Gutachten geplant. Seit Jahren sehen diese jedes Jahr eine zum Vorjahr steigende Anzahl zu erlegender Tier vor. Obwohl die Jäger die Vorgaben erfüllen, verringert sich der Bestand jedoch scheinbar nicht. Die Schäden am Wald werden nicht weniger. Doch ist alleine das Wild Schuld daran?

Wald vor Wild

Wald vor Wild, lautet der Grundsatz mancherorts sogar im Waldgesetz. Doch was bedeutet er für die im Wald lebenden Tiere, für das Wild, das seit jeher Bestandteil unserer Umwelt und auch Kulturlandschaft ist? Auch auf die inzwischen gewertschätzte Artenvielfalt haben Wildtiere einen großen positiven Einfluss.

Wir meinen, Wald mit Wild sollte das Leitbild geben, dass das Handeln von Forst und Jagd beeinflusst.
Es gibt wirksame Verbißschutz-Maßnahmen, die nur leider zu selten angewendet werden, denn sie kosten Geld. Doch Wissenschaft und ökologisch wirkende Forstwirte bieten konkrete Vorschläge, die vor Verbiss schützen:

  • Einzelbaumschutz mit einer Masse aus Kalk und Kuhmist einmal jährlich um den jungen Baum aufbringen, bis dieser cirka 1,20 Meter hoch ist. Dann nämlich ist der Baum zu groß, als dass ein Reh den Leittrieb abbeißen kann. Bis dahin hält der Geruch die Tiere fern. Es gibt hierfür auch moderne, aber sicherlich kostenintensivere Mittel.
  • Einzelbaumschutz durch einen Plastikclip, der den Leittrieb schützt.
  • Liegengelassen von Kronen und ganzen Stämmen, verbleiben als Totholz und wirken dazu als horizontale Barrieren und erschweren den Zugang zur Gehölzverjüngung für Schalenwild.
  • Mehr Brombeeren wachsen lassen. Sie sind ein Leibgericht für Rehe.
  • Mehr Lichteinfall für einen Bodenbewuchs, der der Äsung dient.
  • Ruhezonen für Wildtiere einrichten, in denen das Wild vor der wirtschaftlichen, als auch der freizeitlichen Nutzung des Gebietes verschont bleiben.

Steigt der Reh-Bestand stetig?

Wird die Jagd dem Auftrag der Bestandsregulierung noch gerecht? Denn jährlich steigen die Abschusspläne und fast jährlich werden sie auch übererfüllt. Kritiker behaupten, auch für die Jägerschaft ist ein erlegtes Stück Wild ein Wirtschaftsfaktor, der ein paar gute Euro bringt. Ein höherer Wildbestand im Revier sei also für einen Jäger durchaus ökonomisch. Immer wieder werden Fälle beschrieben, in den Jäger dem Wild Mastfutter zuführen würden, obwohl dies gesetzlich verboten ist. Die Jägerschaft wehrt sich jedoch vehement gegen diesen Vorwurf.

Die Vermehrung der Rehe wird, wie bei allen Spezies, außer dem Menschen, vom Klima und vom Nahrungsangebot gesteuert. Hier spielen beispielsweise der Klimawandel sowie die Veränderungen der Anbaustrategien in der Landwirtschaft eine große Rolle.

Bestätigend liest sich das Lebensraumgutachten des Gieseler Forstes dazu. Es gibt dort eine Schätzung des Kahlwildbestandes durch die Forstliche Versuchsanstalt nach der Rückrechnung der Rotwildbestände. Interessanter Weise steigt der Bestand seit 2014 auf einen seit fast 30 Jahren höchsten Bestand, obwohl die Abschusserfüllung gerade in diesem Zeitraum übererfüllt wurde. Hier wird konsequent nicht zugefüttert.

Tierschutz in Jagd und Wald

In Sachen Tierschutz dürfen sich sowohl Forst als auch Jagd noch beweisen:

  • Verbot der Drückjagd in verbissgefährdeten Gebieten. Drückjagd wird bis in den Januar betrieben. Besonders in den Monaten Dezember und Januar ist der Stoffwechsel der Tiere weitgehend herunter gefahren. Müssen die Tiere dann fliehen und überleben, wenn die Natur Nahrungsbedarf und -angebot sehr eingeschränkt hat, ist es logisch, dass die Tiere sich an dem wenigen, was der Wald zu bieten hat, bedienen.
  • Berücksichtigung des Verhaltens des Wildes und dadurch das Bewegungsverhalten der Tiere steuern, weg von verbissgefährdeten Gebieten.
  • Verbesserung der Schießleistung: Mangelndes Schießtraining und die Jagd in der
  • Dämmerung oder während der Nacht führen regelmäßig zu schlechten Trefferquoten. Untersuchungen zeigen, dass bei Gesellschaftsjagden auf Rehe, Hirsche oder Wildschweine nur jeder dritte bis vierte Schuss sofort tödlich ist.
    Der Nachweis von Trainingseinheiten auf Schießständen, wie er seitens der Staatsforste gefordert wird, wäre flächendeckend eine Möglichkeit, schwache Schießleistungen in der Praxis zu reduzieren. Für Jagdgäste aus dem Ausland sollte diese Nachweispflicht ebenfalls gelten.
  • Natürlicher Insektenschutz durch gezielte Ansiedlung von Vögeln statt Einsatz von Insektiziden. Gegen den Borkenkäfer, Eichenprozessionsspinner und anderen dem Holz oder Mensch schadenden Insekten werden Insektizide eingesetzt. Insektizide, die zum Schutz von Bäumen in Wäldern insbesondere großflächig versprüht werden, bergen immer ein hohes Risiko für andere im Wald lebende Tiere, die gar nicht bekämpft werden sollen. Stattdessen sollte ganzheitlich natürlichen Insektenvernichtern (Wildvögel, Igel und Co.) ein Lebensraum eröffnet werden.
  • Kein Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln. Glyphosatrückstände wurden im Wild nachgewiesen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Glyphosat als vermutlich krebserregend ein. Um Wildfleisch als eine gesunde Alternative zum Fleisch aus der Massentierhaltung positionieren zu können, wäre auch hier ein konsequentes Umdenken notwendig.
  • Ruhezeiten zum Schutz der brütenden Vögel und der Aufzucht jeglichen Niederwildes. Im Winter geschlagenes Holz hat ohnehin eine bessere Qualität. Im Herbst/Winter geschlagenes Holz bietet (insbesondere bei Weichholz) zudem zusätzliche Äsungsmöglichkeit und wird von Jägern begrüßt, da dies Verbissschäden verringert. Das Fällen muss durch den Forst so umgesetzt werden, das es keine unnötige Unruhe in den Wildbestand gebracht wird.

Geld vor Wald vor Wild?

Die Front zwischen Forst und Jagd verhärtet sich zunehmend, je mehr die Ökonomie das Handeln steuert. Die letzten Jahrzehnte haben bewiesen, dass der Wachstumsgedanke kein Leitfaden ist, der unserer Umwelt – damit letztlich unserer Lebensgrundlage – dient.

Die Situation, bedingt durch die trockenen Sommer, starken Stürmen, Starkregen, Monokulturen und Ignoranz der natürlichen Zusammenhänge verschärft sich. Der „Saure Regen“ der 80ger Jahre hat zwar nicht zum Tod des Waldes geführt. Die Schadstoffemissionen wurden seither dank moderner Filter- und Umweltschutztechnik zum Teil drastisch reduziert, in Bezug auf die Luftschadstoffe und ihre Auswirkungen kann jedoch keinesfalls Entwarnung gegeben werden.

Die Notwendigkeit des Einsehens und des Handelns ist hier auf Seiten des Forstes als auch auf Seiten der Jägerschaft offensichtlich. Aber wir Bürger sind gefordert und müssen dem Wald und seinen Tieren die Ruhe gönnen, die sie brauchen.

Fazit

Der Klimawandel kombiniert mit den Menschenverursachten Wüsteneien zerstören die Lebensräume unserer Mitgeschöpfe. Monokulturen, zunehmende Besiedelungen, Einschränkung der Lebensräume durch unser immer größer werdenden Bedarf nach individueller Mobilität und rücksichtsloses Freitzeitverhalten sind die eigentlichen Ursachen, für das kleine Problem „Verbiss“.

Jedoch, es liegen Handlungsvorschläge für Forst und Jagd vor. Warum sie länger ignorieren und unsere Umwelt aufs Spiel setzen? Die Politik hält zudem Subventionen und Fördermöglichkeiten für alternative Wege, auch für die Forstwirtschaft bereit.
Die Jagd sollte sich auf ihre Tradition besinnen und intensiv auf diejenigen in ihren Reihen einwirken, die den Grundsatz „pflegen und hegen“ nicht leben und den Respekt vor der Kreatur verloren haben.

Wir bitten Förster als auch Jäger darum, zu beweisen, dass sie das Prädikat „Naturschützer“ oder „Tierschützer“ verdienen.

Fotos:
Wild: Jörg Finze
Andere: Eigene

Autor: Anke Feil


Begriffserklärungen:

Äsung: Futter des Wildes.

Verbissschäden: Schäden an Bäumen, die dadurch entstehen, dass Reh- und Rotwild frische Triebe abbeißt und damit unter Umständen das Wachstum des Baumes verhindern.

Verbissgutachten: Sichtung der entstandenen Verbissschäden und Vergleich mit sogenannten Weiserflächen. Letztere sind eingezäunte Flächen, auf denen nach einem Jahr nachgesehen wird, was gewachsen ist, wenn kein Wild an den Jungwuchs heran kommt.

Leittrieb: Der Haupttrieb in der Krone eines jungen Baumes, aus der die Seitentriebe wachsen.

Abschussplan: Anhand der Abschussergebnisse und der forstlichen Gutachten wird ermittelt, welcher Wildbestand für den Wald erträglich und wie die Lebensraumsituation für Reh und Rotwild ist. Folglich wird für das nächste Jagdjahr festgelegt, wie viel Reh und Rotwild erlegt werden muss.

Förster: Eine Berufsbezeichnung für Personen, die in leitender Funktion für die Verwaltung und Bewirtschaftung des Waldes verantwortlich sind.

Jäger: Als Jäger wird eine Person bezeichnet, die auf die Jagd geht, das heißt Wild aufsucht, ihm nachstellt, es fängt, erlegt und sich aneignet.

Drückjagd, Treibjagd, Gesellschaftsjagd, Bewegungsjagd: Die Begriffe Gesellschaftsjagd und Bewegungsjagd werden als Synonym verwendet. Der erste Begriff rührt von der größeren Anzahl an Jägern her, der Jagdgesellschaft, der zweite Begriff von der Jagdart, dem In-Bewegung-bringen des Wildes. Beide sind wiederum Überbegriff für die Bezeichnungen Drückjagd und Treibjagd.

  • Bei der Drückjagd wird mit Kugelwaffen auf Schalenwild gejagt, wozu Rehe, Hirsche und Wildschweine gehören. Die Drückjagd findet im Wald statt.
  • Bei der Treibjagd wird mit Flinten, also Schrotgewehren, auf Niederwild gejagt, dazu zählen Hasen, Rebhühner und Fasane. Die Treibjagd wird meistens auf dem Feld durchgeführt.#

Quellen

Bayrisches Waldgesetz – https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayWaldG-1

Deutscher Jagdverband: https://www.jagdverband.de/sites/default/files/2019-01_Infografik_Jahresstrecke_Rehwild_2018.pdf

Wildtierschutz Deutschland e. V. https://www.wildtierschutz-deutschland.de/single-post/2017/09/24/Nachwuchsschwemme-hausgemacht-nie-gab-es-so-viele-Wildschweine-und-Rehe

Süddeutsche Zeitung vom 23./24. November 2019, „Frei zum Abschuss“

Ökologischer Jagdverband e. V. http://oejv.de/

Scinexx – Das Wissenschaftsmagazin: https://www.scinexx.de/dossierartikel/saurer-regen-als-baumkiller/

Auswirkungen der Jagd auf den Wald in Österreich https://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/M070.pdf

https://hegering-metelen.de/jagdliches-brauchtum/verhalten-gegen%C3%BCber-erlegtem-wild.html

Wildfütterung: https://www.jagd-bayern.de/jagd-wild-wald/jagdpraxis/wildfuetterung/

U.a. Wildtierfütterung: Anforderungen an die nachhaltige jagdliche Nutzung von Wildtieren in Deutschland; Ergebnisse eines Infoseminars der NABU-Akademie Gut Sunder vom 28. Oktober 2003: https://www.nabu-akademie.de/berichte/03_jagd.htm

Gieseler Forst: https://ljv-hessen.de/wp-content/uploads/2018/04/Lebensraumgutachten_prod.pdf

Jagdverband Positionen zu Nabu: http://newsletter.jagdnetz.de/system/assets/1515/original/2014_djv-stellungnahme_nabu-position.pdf

Unsachgemäße Kirrungen: https://tierschutzbeirat-rlp.de/archiv/pressetexte/foto-dokumentation-kirrungen-in-rheinland-pfalz/index.php

Studien: Wildschutzgebiet Kranichstein, Teil 1 und Teil 2

Studie: viel Jagen fördert die Vermehrung nicht: https://www.natuerlich-jagd.de/blog/wenn-tierrechtler-die-sau-rauslassen.html#

Bayrichses Landesamt für Wald- und Forstwirtschaft: Verbissschäden an der Waldverjüngung durch verschiedene herbivore Säugetierarten (Projekt ST 297): http://www.lwf.bayern.de/biodiversitaet/wildtiermonitoring_jagd/159667/index.php

Verbissgutachten: https://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/schaden/wild/lwf_verbissgutachten_realistisch/index_DE

Insektizide großräumig im Wald (Umweltbundesamt): https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/pflanzenschutzmittel/im-hubschrauber-gegen-eichenprozessionsspinner-co

Wild und Wald, 39. Bonner Jägertag: https://www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanuv/natur/fjw/pdf/Jaegertag_2016_alle_Beitraege.pdf

Bayrischer Rundfunk: https://www.br.de/nachrichten/wissen/faktenfuchs-rehe-jagen-um-den-wald-zu-schuetzen