Wen interessiert eigentlich… die Blattlaus?

Ein Plädoyer für die Blattlaus

Von Anto­nia und Sascha Johann­sen

Die Blattlaus -  ein böser Schädling !?

Nutzt man die übli­chen Such­ma­schi­nen wird schnell klar, dass das mensch­li­che Urteil über die Blatt­laus längst gefal­len ist. Ein böser Schäd­ling der arme Pflan­zen ver­nich­tet und sowie­so über­haupt kei­nen Nut­zen hat. Dank Inter­net erfährt man auch schnell auf wel­che Art und Wei­se man die­ses Übel wie­der los wird. Die Lis­te geht über selt­sa­me Haus­mit­tel, hin zu frag­wür­di­gen bio­lo­gi­schen Spritz­mit­tel und fin­det ihr trau­ri­ges Ende in der che­mi­schen Keu­le. Aber ist das wirk­lich so? Oder läuft die Gesell­schaft wie­der ein­mal einem Irr­glau­ben hin­ter­her? Besteht der tat­säch­li­che Lebens­sinn der Blatt­läu­se ein­zig und allei­ne dar­in, den Men­schen die Gar­ten­zeit zu ver­der­ben?

Die Blattlaus - ein Urtier!

Seit wenigs­tens 400 Mil­lio­nen Jah­ren exis­tiert die Blatt­laus. Der ältes­te fos­si­le Befund stammt aus Aus­tra­li­en und wur­de in der tri­as­si­schen Schicht gefun­den. Wäh­rend im Alter­tum Gär­ten immer einen bestimm­ten Grund (Reli­gi­on, Lust­gär­ten der Römer usw.) hat­ten, ist die euro­päi­sche Gar­ten­ge­stal­tung der Neu­zeit geprägt von Schlös­sern und deren Schloss­gär­ten.

Egal war­um der Mensch einen Gar­ten anleg­te, die Blatt­laus war bereits lan­ge vor jeder Gar­ten­idee am Leben. Damit kann man ziem­lich sicher sein, dass die Lebens­auf­ga­be der Blatt­laus nicht dar­in lie­gen, kann dem Gärt­ner das Leben schwer zu machen.

Aber warum?

War­um aber exis­tiert dann die Blatt­laus? Ihre Auf­ga­be ist eigent­lich recht sim­pel. Durch ihre Anwe­sen­heit erhal­ten Zehn­tau­sen­de Arten von Schlupf­wes­pen, Brack­wes­pen, Erz­wes­pen, Rau­pen­flie­gen und etli­che ande­re Insek­ten die Mög­lich­keit Nah­rung zu fin­den und/oder ihre Fort­pflan­zung zu sichern. Da Insek­ten auch in der heu­ti­gen Gesell­schaft schnell als „Schäd­ling, Läst­ling“ oder als „eklig und krank­ma­chend“ abge­stem­pelt wer­den, ist die­ses Argu­ment für vie­le Men­schen ein­fach kein Argu­ment. Wer inter­es­siert sich schon für Brack­wes­pen und die ande­ren Krab­bel­vie­cher?

Artenvielfalt: Singvögelsterben ist gleich Insektensterben

Die Situa­ti­on der Vögel ist dage­gen vie­len Men­schen weit­aus ver­trau­ter und bewuss­ter als das Ster­ben der Insek­ten. Jedoch gehört das Insek­ten­ster­ben eng mit dem Vogel­ster­ben zusam­men. Fast alle hei­mi­schen Sing­vö­gel benö­ti­gen Insek­ten, um ihre Jun­gen erfolg­reich groß zu zie­hen, selbst wenn die Eltern­tie­re eine rein pflanz­li­che Ernäh­rung vor­zie­hen.

Blatt­läu­se - wert­vol­les Vogel­fut­ter
Blatt­läu­se ste­hen für etli­che Vögel auf dem Spei­se­plan. Sei es nun Rot­kehl­chen, Mei­se, Zilpz­alp oder einer von vie­len ande­ren Arten. Sie alle sind froh und dank­bar eine gro­ße Blatt­laus­ko­lo­nie vor­zu­fin­den.

Statt­des­sen wird die Bekämp­fung der Blatt­läu­se völ­lig sorg­los betrie­ben und die Trag­wei­te sel­ten bedacht. Was nützt es ganz­jäh­rig Vögel zu füt­tern, wenn gleich­zei­tig die ent­spre­chen­den Insek­ten, Rau­pen, Flie­gen usw. bekämpft wer­den? Die Kon­se­quenz dar­aus ist, dass die Vögel immer weni­ger Nah­rung fin­den. Und wenn sie Insek­ten fin­den, sind die­se oft­mals ver­gif­tet.

Wür­den wir unse­ren Babys ver­seuch­te Milch füt­tern? Nun schüt­teln sicher­lich alle den Kopf… aber was, wenn wir kei­ne Wahl hät­ten? Die Vögel erlei­den genau die­se Situa­ti­on. Die Nah­rung wird immer knap­per und der kläg­li­che Rest an Insek­ten ist ver­seucht von aller­lei „Haus­mit­teln“ und Pes­ti­zi­den. Was also machen, wenn der Nach­wuchs Hun­ger hat… das Ergeb­nis soll­te sich jeder selbst aus­rech­nen kön­nen.

Manche Insekten sind erlaubt …

Inter­es­san­ter­wei­se gibt es eini­ge weni­ge Insek­ten, die einen beson­de­ren Stand in der Gesell­schaft genie­ßen. Bei den Ägyp­tern war es der Ska­ra­bä­us, in der heu­ti­gen Gesell­schaft ist es der Mari­en­kä­fer. Glück soll er brin­gen und auch noch solo ein wert­vol­ler Nütz­ling sein. Trau­rig, dass die brei­te Gesell­schaft den Mari­en­kä­fer schein­bar lie­ber als Plas­tik Glücks­brin­ger bevor­zugt als in leben­der Form im Gar­ten.

War­um ich das behaup­te? Weil es den Tat­sa­chen ent­spricht!

Das Inter­net und auch Face­book ist über­schüt­tet mit Rat­schlä­gen und Anlei­tun­gen, um gegen Blatt­läu­se vor­zu­ge­hen. Jede Bekämp­fung der Blatt­laus ist aber auch ein Bekämp­fen des all­ge­mein belieb­ten Glücks­brin­ger. Der Mari­en­kä­fer ist, wie etli­che ande­re Insek­ten, dar­auf ange­wie­sen die Blatt­laus vor­zu­fin­den. Was gesell­schaft­lich schnell abge­tan ist mit dem Urteil „Schäd­ling“, hat für die Bio­di­ver­si­tät weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen.

Wenn wir die ver­meint­li­chen Schäd­lin­ge zu stark und zu inten­siv bekämp­fen, ver­nich­ten wir zwangs­läu­fig auch alle Nütz­lin­ge. WOVON sol­len Nütz­lin­ge LEBEN, wenn es kei­ne Schäd­lin­ge mehr gibt? Dum­mer­wei­se nei­gen oft­mals gera­de die­se „schä­di­gen­den“ Insek­ten dazu, ein beson­ders star­kes Ver­meh­rungs­po­ten­zi­al zu besit­zen. Auch das hat sei­nen Sinn. Von die­sen „Schäd­lin­gen“ lebt eine gro­ße Anzahl ande­rer Lebe­we­sen. Wenn aber kei­ne Nütz­lin­ge mehr da sind, um die „Schäd­lin­ge“ zu fres­sen, wird es dazu füh­ren, dass wir von Schäd­lin­gen über­rannt wer­den.

Egal wel­che Bekämp­fungs­maß­nah­me ergrif­fen wird - unterm Strich schä­digt sich die Gesell­schaft immer selbst.

HILFE, mein xy hat Blattläuse! Was soll ich nur tun?

Schein­bar sind sich jedoch nur rela­tiv weni­ge Gärt­ner die­ses Umstands bewusst. Als wäre man in einer Art Zeit­schlei­fe gefan­gen, erscheint im regel­mä­ßi­gem Tonus immer wie­der die sel­be Fra­ge: „HILFE, mein xi hat Blatt­läu­se!!!! Was soll ich nur tun???“ Die Ant­wor­ten sind so unter­schied­lich, wie die Men­schen die sie geben. Wäh­rend man­cher ein aus­gie­bi­ges Essig­bad emp­fiehlt, stel­le ich mir die Fra­ge, ob das Töten der Pflan­ze zum Schutz gegen Blatt­läu­se nicht die kon­se­quen­tes­te Metho­de ist.

Ande­re Men­schen emp­feh­len immer noch die che­mi­sche Keu­le und bewei­sen damit, wie völ­lig egal ihnen die­ser Pla­net und all ihre Kin­der, Freun­de und Ver­wand­ten sind.

Man­che ande­re schwö­ren auf Bren­nes­sel­sud… nein Brenn­ses­sel­jau­che… oder doch Brü­he? Ja, was denn nun? Da fängt das Dilem­ma eigent­lich schon an. Was genau will ich mit der Brenn­nes­sel errei­chen?

  • Jau­che ist als Dün­ge­mit­tel gedacht und wird vom Bun­des­amt für Ver­brau­cher­schutz und Lebens­mit­tel­si­cher­heit als Pflan­zen­stär­kungs­mit­tel gelis­tet.
  • Brenn­ses­sel­sud ist ein Kalt­aus­zug,
  • Bren­nes­sel­brü­he ein dage­gen Heiß­aus­zug. Bei­den gemein ist, dass sie nicht gären dür­fen und ein Bio-Pes­ti­zid und -Her­bi­zid dar­stel­len. Dank der Amei­sen­säu­re wird man Blatt­läu­se und läs­ti­ges „Unkraut“ los. Wer damit bei Son­nen­ein­strah­lung oder mit unver­dünn­ten Mit­teln sei­ne Pflan­ze spritzt, ris­kiert, dass sie krank wird und somit wie­der anfäl­lig für ande­re Schäd­lin­ge. Im schlimms­ten Fall führt das Pflan­zen­stär­kungs­mit­tel zum Abster­ben der Pflan­ze.

Lus­ti­ger­wei­se fin­den sich gera­de an Brenn­nes­sel­pflan­zen immer gro­ße Men­ge Blatt­läu­se. Mein Gemü­se­beet umfasst, ganz bewusst, eini­ge Bren­nes­sel­pflan­zen. An allen fin­den sich Blatt­läu­se… mei­ne Gemü­se­pflan­zen sind dage­gen frei von Blatt­läu­sen. War­um genau ist es nun bes­ser aus Brenn­nes­sel ein Pes­ti­zid her­zu­stel­len anstatt dem natür­li­chen Ablauf eine Chan­ce zu geben?

Wenn man wirk­lich etwas gegen Blatt­läu­se unter­neh­men möch­te, kann man ihnen eine Opfer­pflan­ze anbie­ten. Holun­der, Bau­ern­jas­min, Kapu­zi­ner­kres­se und Sal­bei bie­ten sich dafür an und wer­den von Läu­sen geliebt.
Aber das wirk­lich schlim­me ist wie­der ein­mal die Tat­sa­che, dass die mensch­li­che Ein­tei­lung in „Nütz­ling und Schäd­ling“ dafür sorgt, dass die Bio­di­ver­si­tät bedroht wird. Jeder „Nütz­ling“ braucht zu erst den „Schäd­ling“. Wenn die mensch­li­che Ein­tei­lung aber dazu führt, dass jeder „Schäd­ling“ auto­ma­tisch bekämpft wird, führt das schluss­end­lich zum Aus­ster­ben der „Nütz­lin­ge“.

Wenn man nun dazu rät ein­fach nichts zu tun, son­dern auf die natür­li­chen Fress­fein­de zu war­ten, gibt es die übli­chen Ent­schul­di­gun­gen und Recht­fer­ti­gun­gen. „Es ist ja nur ein bio­lo­gi­sches Mit­tel“, „Es sind doch nur Blatt­läu­se!“, „Es ist aber mei­ne Lieb­lings­ro­se.“ usw.

Es müssen endlich andere Diskussionen geführt werden!

Aktu­ell befin­den wir uns im 6. größ­ten Arten­ster­ben der Welt­ge­schich­te. Ein Arten­ster­ben, das allein durch den Men­schen so rasant vor­an­ge­trie­ben wird. Es ist defi­ni­tiv an der Zeit eine ande­re Art von Dis­kus­si­on zu füh­ren wenn es um Blatt­läu­se oder sons­ti­ge „Schäd­lin­ge“ geht. Eine Dis­kus­si­on die nicht auf mensch­li­chen Maß­stä­ben, Vor­stel­lun­gen und ästhe­ti­schen Gesichts­punk­ten beruht, son­dern im Sin­ne der Natur und der Bio­di­ver­si­tät statt­fin­det.

Keine Insekten = Kein Essen!

Wir müs­sen uns bewusst wer­den, dass die klei­nen „Krab­bel­vie­cher“ die Lebens­grund­la­ge die­ses Pla­ne­ten bil­den. Oder ganz sim­pel aus­ge­drückt: Kei­ne Insek­ten = Kein Essen! Für nie­man­den mehr, auch nicht für den Men­schen.

Hmm … Waldhonig!

Wo wir gera­de bei Nah­rung sind. Ken­nen Sie Wald­ho­nig? Klingt doch eigent­lich nach Natur. Ein unbe­rühr­ter Wald, lau­ter Bie­nen sum­men auf einer son­nen­durch­flu­te­ten Wald­lich­tung und tra­gen von den Wald­blu­men ihren Pol­len in den Bie­nen­stock. Tat­säch­lich ist die­se Tracht für eini­ge Regio­nen die wich­tigs­te Pha­se über­haupt. Dumm nur, dass es kei­ne Wald­lich­tung und auch kein Pol­len, ist der für den Wald­ho­nig wich­tig ist. Wald­ho­nig ent­steht durch Honig­tau. Wich­tigs­ter Lie­fe­rant für Honig­tau ist die Blatt­laus. Ja rich­tig, dem „ekli­gen Schäd­ling“ ver­dankt man sein Bröt­chen mit Wald­ho­nig …

Bei Amei­sen kann man sehr oft beob­ach­ten, wie sie die Blatt­läu­se mel­ken, um an den begehr­ten Honig­tau zu kom­men. Zu die­ser Tro­pho­bio­se gehört auch die Ver­tei­di­gung der Blatt­laus. Eine ein­fa­che Rech­nung. Nah­rung gegen Schutz. Bei Bie­nen und vie­len ande­ren Insek­ten spielt der Honig­tau jedoch auch eine wich­ti­ge Rol­le. Sie lecken die süße Mas­se von den Blät­tern und Stän­geln, Bie­nen sam­meln ihn und tra­gen ihn in den Stock. Der Wald­ho­nig ent­steht auf die sel­be Wei­se. Dank den Aus­schei­dun­gen der gro­ßen und der klei­nen Fich­ten­quirl­schild­laus, sowie der grü­nen Tan­nen­ho­nig­laus kön­nen wir Jahr für Jahr Wald­ho­nig kau­fen und aufs Bröt­chen schmie­ren. Beson­ders iro­nisch wird die­ser Umstand wenn danach die Blatt­laus im Gar­ten bekämpft wird.

Was haben Blattläuse mit Schokobons und E 904 zu tun?

Aber auch an ande­rer Stel­le las­sen sich Blatt­läu­se bzw., deren Erzeug­nis­se in Lebens­mit­teln fin­den. Ein jeder wird wohl die bekann­te Mar­ke mit den Scho­ko­bons ken­nen. Das schö­ne glän­zen­de Aus­se­hen ver­dan­ken sie u.a. Schel­lack, oder auch E 904 genannt. Schel­lack ent­steht durch die Weib­chen der Lack­schild­laus. Die­se Laus bil­det kei­nen Honig­tau, son­dern eine har­zi­ge Sub­stanz die an der Luft aus­här­tet. Die Weib­chen schei­den dabei so viel von der Sub­stanz aus, dass nach und nach alle Schild­läu­se und deren Eier samt Zweig umschlos­sen wer­den. Die Weib­chen ster­ben und danach schlüp­fen die Jung­tie­re aus dem Brut­lack. Die­ser Brut­lack, samt Weib­chen und Eiern, ist die Aus­gangs­ba­sis von Schel­lack. Tat­säch­lich lässt sich Schel­lack aber nicht nur auf Scho­ko­bons und vie­len ande­ren Lebens­mit­teln fin­den, son­dern auch in der Möbel­pfle­ge, in Ziga­ret­ten, Täto­wier­far­be und Haar­spray …

Fördern Sie Blattläuse!

Neben­bei sei­en noch die Ruß­tau­pil­ze zu erwäh­nen. Ein Blatt­laus­be­fall kann zu Ruß­tau­pil­zen füh­ren. In der tra­di­tio­nel­len Gar­ten­pfle­ge fin­den sich auch hier genü­gen­den Mit­tel­chen. Ver­rück­ter­wei­se sind Ruß­tau­pil­ze völ­lig harm­los und ent­ste­hen nur. wenn der kleb­ri­ge Honig­tau auf der Pflan­ze ver­bleibt. Jedoch ver­bleibt der Honig­tau nur dann auf der Pflan­ze, wenn nicht genü­gend Insek­ten vor­han­den sind, um die­sen Lecker­bis­sen zu wür­di­gen. Wie­der­mal scheint eine Bekämp­fung völ­lig unlo­gisch. Eine För­de­rung der Insek­ten sorgt ganz auto­ma­tisch für gesün­de­re Pflan­zen, völ­lig ohne Gift und „Haus­mit­tel­chen“. Eine Bekämp­fung führt dage­gen von einem Pro­blem zum nächs­ten Dilem­ma.

Anstatt zu fra­gen WIE kann ich die Blatt­laus bekämp­fen, soll­te die Fra­ge lau­ten WARUM soll­te ich die Blatt­laus bekämp­fen? Aus Sicht der Bio­di­ver­si­tät gibt es kei­nen Grund dazu… aber hey, wer inter­es­siert sich schon für Blatt­läu­se?

 


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