Kaffeepause mit Frischling

Die Anru­fe auf das TiNa-Tele­fon sind abwechs­lungs­reich und brin­gen manch­mal wahr­lich span­nen­de Geschich­ten her­vor. Nicht alle enden gut, aber die­se hat ein glück­li­ches Ende! Aber lest selbst:

Aufregende Kaffeepause

Frau P. ist Bus­fah­re­rin. Ihre Pau­se ver­bringt sie wie jeden Abend mit einem hei­ßen Kaf­fee an der fri­schen Luft. Es hat klir­ren­de minus 7 Grad. Auf ein­mal hört sie ein Quiet­schen und Schrei­en, das ein­deu­tig von einem Tier kommt. Sie sieht sich um und ent­deckt einen win­zi­gen Frisch­ling, der auf dem Bus­park­platz am Wald­rand hilf­los umher irrt.

Frau P. weiß: wenn die Rot­te in der Nähe ist, soll­te sie bes­ser Abstand gewin­nen, denn kommt man einem Jung­tier zu nahe, wird die Bache (das Mut­ter-Wild­schwein) zur Lebens­ge­fahr. Aus dem siche­ren Bus her­aus beob­ach­tet sie das klei­ne Wesen, doch trotz der Schreie des Klei­nen zeigt sich kein wei­te­res Wild­schwein.

Eine Handvoll Schwein

Nach einer Wei­le steigt sie wie­der aus dem Bus und nähert sich dem Frisch­ling. Immer noch kei­ne Spur einer Rot­te.  Außer den Hil­fe­ru­fen kein Geräusch - kein Schnau­ben, kein Bre­chen der Zwei­ge im Gebüsch. Sie fasst ihren Mut zusam­men, nähert sich dem win­zi­gen Tier und nimmt es auf den Arm. Der Frisch­ling ist nur ein biss­chen grö­ßer als ihre Hand und drückt sich augen­blick­lich fest an sie. Mit dem Schwein­chen auf dem Arm läuft sie noch ein­mal vor­sich­tig den Wald­rand ab, bevor sie mit ihm in den Bus steigt.

Keine Wilderei!

Frau P. ist bewusst, dass es sich um ein Wild­tier han­delt, das sie nicht ein­fach mit­neh­men darf. Wäh­rend das anschei­nend ver­las­se­ne klei­ne Jun­ge sich in ihren Schoß drückt, ver­sucht sie des­halb, über die Poli­zei einen Jagd­päch­ter zu errei­chen. Erfolg­los. Letz­te­rer ist nicht ans Tele­fon zu bekom­men.

Also infor­miert Frau P. die Poli­zei dar­über, das sie das klei­ne Wesen, das offen­sicht­lich ver­las­sen ist, mit nach Hau­se nimmt. Am nächs­ten Tag wird sie sich dar­um zu küm­mern, dass es in pro­fes­sio­nel­le Hän­de kommt.

Alles richtig gemacht!

Es kommt in der Natur vor, dass beson­ders klei­ne oder schwa­che Tie­re von der Rot­te ver­las­sen wer­den - manch­mal kön­nen sie auf­grund ihrer gerin­ge­ren Grö­ße schlicht nicht mit dem Tem­po mit­hal­ten. Den­noch ist eini­ges zu beach­ten, soll­te man in die sel­be Situa­ti­on Frau P. gera­ten.

  • Nähert man sich einem Frisch­ling, ohne sich zu ver­ge­wis­sern, dass es sich um ein wirk­lich ver­las­se­nes Tier han­delt, kann es schnell lebens­ge­fähr­lich wer­den. Eine Bache kann ein Kör­per­ge­wicht von 150 kg errei­chen und ist mit rasier­mes­ser­schar­fen Eck­zäh­nen aus­ge­stat­tet. Bei­des wird sie mit aller Kraft zum Ein­satz brin­gen, wenn ihren Nach­kom­men Gefahr droht.
  • Auch ist die Mel­dung beim zustän­di­gen Jäger, alter­na­tiv bei der Poli­zei Pflicht, da man sich der Wil­de­rei schul­dig macht, nimmt man ein Jung­tier ein­fach mit nach Hau­se.
  • Zu guter Letzt: Sie hat das unglück­li­che Tier­chen nicht sei­nem Schick­sal über­las­sen. Ohne die Rot­te ver­en­den Jun­ge qual­voll oder sind leicht Beu­te für ver­schie­de­ne Räu­ber.

Und dann?

Frau P.s Fin­del­kind bekam den Namen Fre­de­ri­ke und wur­de noch am sel­ben Abend von ihrem Kater adop­tiert. Wäh­rend Frau P. sich in den Fol­ge­ta­gen auf die Suche nach Hil­fe mach­te, dien­te die Samt­pfo­te als Kuschel­kis­sen, Leh­rer und Mut­ter­er­satz.

Nach etli­chen Tele­fo­na­ten, eben auch mit TiNa, konn­te für Fre­de­ri­ke ein Zuhau­se gefun­den wer­den. Über ihre beruf­li­che Zukunft wur­de auch schon ent­schie­den!

Sie lebt nun in Bay­ern und wird zu einer „Fähr­ten­sau“ aus­ge­bil­det. Wenn sie groß genug ist, wird sie mit ihrem neu­en Besit­zer durch den Wald lau­fen und dabei Fähr­ten legen, die ein paar Stun­den nach dem Spa­zier­gang von Jagd­hun­den in der Aus­bil­dung abge­lau­fen wer­den müs­sen. Bis die Hun­de kom­men, wird Fre­de­ri­ke bereits wie­der Zuhau­se sein und sich genüss­lich in einer Schlamm­kuh­le suh­len.

Wir dan­ken Frau P. für die Ret­tung des klei­nen Frisch­lings, der ohne sie ver­en­det wäre. Nun hat er eine wohl behü­te­te Zukunft vor sich.

Dank auch an alle Mit­tels­leu­te!


Das natür­li­che Alter von Wild­schwei­nen in der frei­en Wild­bahn liegt bei maxi­mal 13 Jah­ren. Die Geschich­te einer Fähr­ten­sau, die mit 15 Jah­ren uralt wer­den konn­te, ist hier sehr schön beschrie­ben.