Reviergang

Zwischen Begeisterung und Entsetzen

Zweieinhalb kurzweilige Stunden im von Michael Jüngling betreuten Jagdrevier im Rotwildgebiet Hoher Vogelsberg boten alles – nur keine Tiere.

Michael Jüngling hatte sich bereit erklärt, für Wild-Interessierte des Vereins TiNa und Mitglieder der Kitzrettungsgruppen eine Tour durch ein Jagdrevier zu machen. Der Reviergang sollte Fragen beantworten sowie Aufschluss über den Lebensraum der Wildtiere und den Zustand der Natur geben. Eine Aufgabe bekamen alle Teilnehmer gleich zu Beginn: „Haltet Ausschau nach Tierspuren und Losung.“

Wildaufkommen vs. Abschussquoten

Im besuchten Revier, inmitten des Rotwildgebietes Hoher Vogelsberg breitet sich eine Traumlandschaft für Reh und Hirsch aus: Wald auf der einen Seite, Wiese als bevorzugter Lebensraum
dieser Freilandarten auf der anderen – wäre dort nicht völlig ungelenkter Tourismus von früh bis spät an der Tagesordnung. Rehe sähe man in diesem Bereich so gut wie nicht mehr, sagte Jüngling. Auch ließ das völlige Fehlen von Spuren im weichen Boden keinerlei Zweifel, dass sich selbst nachts kein Wild mehr in diese Gegend traut. Anlass für Michael Jüngling, die Crux mit den Abschussplänen zu erklären. Sie würden beim Rehwild durch die Jagdbehörde auf drei Jahre festgelegt und müssten erfüllt werden. Erfülle man die Quoten nicht, würden sie auf das Folgejahr übertragen, in dem dann mehr geschossen werden müsse und so weiter. Zudem kann die Nichterfüllung zu Sanktionen durch die Waldbesitzer und Verpächter führen. Die Frage, ob der Wildbestand überhaupt eine entsprechend hohe Abschussquote hergibt, spiele dabei keine Rolle.

Kein Verbiss an jungen Bäumchen

Etwas weiter bog die Gruppe vom Weg ab, geradewegs in den Wald. Zwischen alten Bäumen auf mit Farnen und Wildblumen bewachsenem Boden lief die Gruppe vorbei an unzähligen jungen Ebereschen. Die kleinen Bäumchen waren kaum 15 cm hoch und gelten mit ihren frischen Blättern für Rehwild als Delikatesse. „Das wäre das erste, was Rehe abbeißen.“, erklärte Jüngling. Dass sie unberührt stehen und wachsen können, hat einen Grund: „Der Wildbestand ist hier dem Biotop angepasst“.

Schäden an Bäumen

Ein paar Schritte weiter entdecken die Revierwanderer dann doch einen Schaden an einer Baumrinde. Doch von einem Tier stammte dieser nicht. „Das ist ein typischer Rückeschaden.“, erklärt
Jüngling. „Da hat ein forstliches Fahrzeug die Kurve zu eng genommen.“ Solche todbringenden Schäden an Bäumen aller Altersklassen sollte die Gruppe noch etliche zu sehen bekommen, begleitet von tiefen, breiten Spuren von Stollenreifen bis tief ins Dickicht und durchkreuzt von Mountainbike- Abdrücken. Tierspuren oder Losungen hatte bis zu dem Zeitpunkt niemand entdeckt.
Tiefer im Wald, an einem Einstand, kamen die Teilnehmer im Schlafzimmer des Wildes an. Dort, wo absolute Ruhe herrschen, sich kein Mensch mehr aufhalten sollte, fanden sich Relikte von
Abenteurern, die Äste gesammelt und zu Skulpturen zusammen gestellt hatten. Doch „haben Touristen und Spaziergänger nicht das Recht, den Wald als Erholungsgebiet zu nutzen?“, so eine Frage aus der Gruppe. Das haben sie in der Tat, und genau dafür steht ein paar Meter weiter ein weiträumig erschlossenes Erholungsgebiet auf dem Hoherodskopf zur Verfügung. Kletterwald,
Wanderwege und Natur bieten Liebhabern alle Möglichkeiten, die Flora zu erkunden und zu genießen. Wild hat sich dort schon lange zurückgezogen und kann folglich auch nicht mehr gestört
werden.

Der Tod der Waldriesen

Einige Meter weiter hielt Jüngling an zwei hoch gewachsenen, kapitalen Buchen an. Deren Tage seien nun auch gezählt, erklärt er. „Wunden“ von mindestens 1 qm sind an der Wegseite in die Rinde beider Bäume gerissen. Das passiere, wenn forstliche Rückefahrzeuge rücksichtslos an den Bäumen vorbei fahren. An einer Wildwiese, die tief im Wald von der Jägerschaft als Wildäsungsfläche angelegt worden war, steht ein Hochsitz. „Wenn ich hier sitze und beobachte, was an Tieren da ist, vergeht kaum eine Stunde, in der nicht mindestens ein Spaziergänger hier vorbeikommt.“ Zudem zähle er bisweilen schon mal 5 bis 10 Waschbären bei einem Ansitz, eine Tierart, die sich rasant vermehrt, gewaltige Schäden anrichte und Krankheiten wie Staupe verbreite, auch unter anderen Tieren. „Aber ich kenne hier – mitten im Rotwildgebiet – nur drei Hirsche und ein Alttier mit Kalb, die sporadisch in diesem Revier auftauchen.“, schildert Jüngling den lokalen Rotwildbestand. Und ständig werden Stimmen laut, den Rotwildabschuss im Vogelsberg immer weiter zu erhöhen. Schweigend ließ er diese groteske Forderung im Raum stehen.
Einen Schälschaden, den Rotwild in eine Baumrinde gebissen hatte, konnten die Teilnehmer dann doch noch sehen. Er war vom letzten Winter, in dem das Wild bei einer dreiviertel Meter hohen
Schneelage ernsthaftem Äsungsmangel ausgesetzt gewesen war.

Fazit:

Fest stand nach zweieinhalb Stunden, in denen das Gros der Teilnehmer den Wald aus völlig neuen und kritischeren Augen zu sehen gelernt hatte, dass wesentlich mehr Aufklärung betrieben werden müsse. Aufklärung über die Widersprüche zwischen Waldnutzung und Naturschutz, über das richtige Verhalten in der Natur und über das Maß an Politik, das sich hinter den Kulissen unserer Wälder abspielt. Dann nämlich wundert es nicht mehr, warum Wild als Schädling in Überzahl dargestellt wird, der angeblich alles verbeißt. „Wo sollen andererseits die übrig gebliebenen denn auch hin, wenn Trockenheit, Borkenkäfer, (nicht nur) notwendige Rodungen, unser rücksichtsloses Eindringen, Bauvorhaben usw. ihm den Lebensraum wegnimmt?“

In beeindruckend charmanter und besonnener Art beleuchtete Michael Jüngling vermittelnd und schlichtend auch die Grauzonen der Jagd, der Waldwirtschaft und des Natur- und Tierschutzes und wog das Eine gegen das Andere ab. „Geduldig und humorvoll, auch wenn es bitter scheint. Jahrzehnte lang unermüdlich und immer offen für konstruktive Kritik, um es auf Weitsicht besser zu machen – das hat mich sehr beeindruckt! Gelebter Einsatz für Wald und Wild.“, so die Beurteilung einer Teilnehmerin. Ernüchternd der Mangel an Wild und die Erkenntnis, wie viel mehr Zerstörung durch Mensch und Maschine vorhanden war als durch Reh und Hirsch.

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